Lutherkirche Wiesbaden

Der Kirchenraum

Zwei Holztüren öffnen sich zum Kirchenraum. Die schmale Empore über dem Eingang gibt den Blick rasch frei in die große Halle mit 1200 Sitzplätzen. 18 m weit und 17 m hoch spannt sich das Kreuzrippengewölbe zwischen den vier Pfeilern. Die längs gerichtete Ellipse des Raumes wird betont durch den Schwung der Empore. Alle Linien lenken den Blick nach vorn zur Einheit von Kanzel, Chorempore und Orgel. Auch die leichte Absenkung des Fußbodens zum Altarraum hin (0,80 m) bewirkt, dass der Besucher den Eindruck gewinnt, dem Altar nahe zu sein. Die Ruhe des weiten, festlichen Raums wird durch die harmonische farbliche Gestaltung erhöht. Über dem Kirchenschiff mit seiner braunen Holztäfelung bis über die Emporen hinauf, verläuft ein Band grünausgemalter Bögen mit vornehmlich vegetabiler Ornamentik.

 

Weinranken wölben sich über dem Raum auf einem weiß strukturierten Ocker-Grundton, in der Mehrschichtigkeit wohl gedacht als Andeutung von Transzendenz.

Die tragenden Gewölberippen zieren kräftige Ornamente, dem Vorbild indianischer Masken aus Peru nachempfunden.

Die tragenden Gewölberippen zieren kräftige Ornamente, dem Vorbild indianischer Masken aus Peru nachempfunden.

Im Chorraum verdichten sich die Farben zu einem tiefen Rotton, der das „Heilige“ symbolisiert gegenüber dem Lebensraum der Menschen, der auf der braunen Erde inmitten des natürlichen Lebens seinen Ort hat, umhüllt von einer Ahnung der Transzendenz.

War in den grünen Zonen schon das Kreuzzeichen als auf Christus hinweisend in verschiedenartiger Gestaltung häufig zu erkennen, so leuchtet vom Zenit des Triumphbogens das Christusmonogramm zwischen Alpha und Omega herab als das Zeichen der gnädigen Gegenwart Gottes.

Vergoldete Tropfen senken sich herab, Symbole des Segens für Menschen und Natur.

Stilistisch dringen die in ihrer Zeit bekannten Glasmaler Rudolf und Otto Linnemann, Frankfurt/Main mit ihrer Malerei in die Moderne vor, nachdem ihr erster, von Pützer verworfener Entwurf noch ganz im Jugendstil befangen war. Auch die Glasfenster sind nach Linnemann‘schen Plänen gearbeitet. Nachdem die Malerei bei der Renovierung von 1956 übertüncht wurde, konnte sie 1986 und 1992 durch die Restauratoren Erwin Meffert, Kramberg und Vitus Wurmdobler, Alzey mit Hilfe des Landes Hessen und der Stadt Wiesbaden wiederhergestellt werden.

Von Anfang an gab es Zweifel, ob sich denn dieser große Einheitsraum akustisch bewältigen ließe. Pützer zerstreute die Bedenken mit dem Hinweis auf besondere raumakustische Maßnahmen an Wänden und Gewölben. Das Ergebnis übertraf nachher sogar noch die optimistischen Erwartungen. Die Akustik der Lutherkirche hat sie zur besonderen Pflegestätte der Kirchenmusik prädestiniert.

 

Die Gestaltung des Altarraums ist aus der Zusammenarbeit Friedrich Pützers mit Augusto Varnesi erwachsen.

Varnesi hat ein Modell des gesamten Chorabschlusses geliefert. Auch die Schnitzarbeiten an der Kanzel, dem Kanzelaufgang und am Orgelprospekt hat er modelliert. Das Bronzerelief an der Vorderseite des Altars, das verkleinert am Seitenportal an der Mosbacher Straße zweimal in Stein wiederkehrt, wurde von Varnesi ebenfalls geschaffen. Aus einem Krug wachsen Weinranken mit Laub und Früchten, zwischen denen ein Kreuz das Wort Christi in Erinnerung ruft:

„Ich bin der Weinstock; ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Johannes 15,5)

Das Altarkreuz ist aus Ebenholz mit vergoldetem Messing gearbeitet und mit Filigran und zahlreichen Amethysten verziert. Es zeigt die gestalterische Meisterschaft des Bildhauers Ernst Riegel (1871 – 1939), der in jenen Jahren in Darmstadt tätig war. Die schöne Bibelauflage aus Ebenholz und Elfenbein gehört zu den ursprünglichen Ausstattungsgegenständen und ist wohl ebenfalls Ernst Riegel zuzuschreiben. Er hat auch die mächtigen Radleuchter entworfen.

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